HIROSHIMA

17. Juli 2023

Dr. med. Mechthild Klingenburg-Vogel

IPPNW

(Internationale Ärzt*innen gegen Atomkrieg und in sozialer Verantwortung)

HIROSHIMA
mahnende Erinnerung, Gewöhnung an die unvorstellbare Zerstörung oder gar illusionäre Verlockung, durch eine einzige Atombombe einen Krieg beenden zu können?

Alljährlich finden am 6. und 9. August Gedenkveranstaltungen für die Opfer der US-Atombomben auf die Städte Hiroshima und Nagasaki statt, um aus Entsetzen über den Einsatz derart zerstörerischer Waffen ein „Nie Wieder“ zu fordern. Immer wieder übersteigt es unser Vorstellungsvermögen, dass Hunderttausend – fast nur Zivilisten sowie 40 000 koreanische Zwangsarbeiter, dass hunderttausend Menschen in den ersten Sekunden sofort starben und von ihnen im 7.000 Grad heißen Zentrum oft nur ihr in den Stein eingebrannter Schatten übrig blieb. Die Leiden der Hunderttausend sind selbst in der nachträglichen Einfühlung unerträglich. Sie starben qualvoll in den folgenden Wochen an der akuten Strahlenkrankheit, an ihren schweren Verletzungen und an Infektionen, – meist ohne medizinische Hilfe, denn auch fast 90 % der Ärzte und Schwestern waren umgekommen, die Krankenhäuser waren fast vollständig zerstört! Die eingeflogenen US-Ärzte kamen lediglich, um die medizinischen Folgen zu dokumentieren, nicht, um zu helfen.
Der diesen Tod bringende Pilot gab seinem Flugzeug den Namen seiner Mutter, „Enola Gay“ und taufte die Bombe „Little Boy“! Was für eine Perversion, welches Tod bringende Ungeheuer wurde von dieser stählernen Mutter geboren! Diese einzelne, 64 Kg schwere Uranbombe hatte die Sprengkraft von 13 kt TNT, das entsprach 2 500 herkömmlichen Bombenladungen!
Die über Nagasaki am 9. August gezündete Plutoniumbombe „Fat Man“ hatte eine noch größere Sprengkraft. Es entstand ein 300 000 Grad heißer Feuerball, der am Boden mit noch 3 000 Grad alles verglühen ließ. Auch hier waren es fast nur Zivilisten, die getötet wurden. Unter den 70 000 Opfern in Nagasaki, die bis Ende 1945 starben, waren nur 300 Soldaten! Es handelt sich also um schwerste Kriegsverbrechen, die aber nie zur Anklage kamen!
Das unvorstellbare Leid einer so unfassbar großen Zahl von Opfern übersteigt jede menschliche Einfühlungsfähigkeit. Nur durch die erschütternden Berichte einzelner Überlebender, der Hibakusha, kann man ahnen, wie noch jahrzehntelang die äußeren Wunden, vor allem schwerste Brandverletzungen und Knochenbrüche, unzählige Operationen nötig machten, während die inneren Wunden, das Trauma des Erlebten, unaussprechbar blieb, nicht mitgeteilt, nicht geteilt werden konnte. Die Trauer über den Verlust so vieler Angehöriger und Freunde, die Angst, an Krebs zu erkranken oder ein missgebildetes Kind zu bekommen, wurde abgekapselt, weil jahrelang kein sozialer Raum dafür bereitgestellt wurde. Die Überlebenden, die „Hibakusha“, waren sogar lange gesellschaftlich geächtet und wurden gemieden. Oft verheimlichten Überlebende ihr Opfersein sogar ihren Kindern, weil diese sonst keinen Ehepartner gefunden hätten.
Dann aber waren es gerade die Überlebenden von Hiroshima und Nagasaki, die es sich zur Aufgabe machten, die Weltöffentlichkeit über die entsetzlichen Folgen dieser zerstörerischsten aller Waffen zu informieren und jeden weiteren Einsatz einer Atombombe zu verhindern.


Hat die Welt, haben insbesondere die USA aus Entsetzen über dieses „man-made disaster“ innegehalten mit dem Wahnsinn des atomaren Rüstungswettlaufs? Gab es ein Anerkennen der Schuld? Gab es öffentliche Reue, die zur Verbannung dieser teuflischen Waffe geführt hätte? Nein!
Es dauerte bis 2016, bis Barack Obama als erster US-Präsident an der jährlich in Hiroshima stattfindenden Gedenk- und Friedensfeier teilnahm. Aber auch von ihm kam kein Wort der Entschuldigung.
Der Bürgermeister von Hiroshima, selbst ein Atombombenopfer, rief 1982 die Initiative „Mayors for Peace“ ins Leben, der inzwischen in 166 Ländern über 8 000 Städte, davon 845 in Deutschland, beigetreten sind.
1980, mitten im Kalten Krieg, gründeten 3 russische und 3 US-amerikanischen Ärzte die „International Physicians for the Prevention of Nuclear War – IPPNW“, der bis zu 200 000 Ärztinnen und Ärzte weltweit angehörten. Die deutsche IPPNW warnte „Wir werden Euch nicht helfen können!“ und „Die Überlebenden werden die Toten beneiden!“ sowie „Unser Eid auf das Leben verpflichtet uns zum Widerstand!“. Für ihre Aufklärung über die medizinischen Folgen eines Atomkriegs wurde die IPPNW 1985 mit dem Friedensnobelpreis geehrt.


Durch das atomare Wettrüsten verfügen die – inzwischen 9 – Atommächte über ein Kernwaffenarsenal, mit dem sie unsere Welt mehrfach zerstören und alle Zivilisation auslöschen könnten. Doch auch ein sog. „begrenzter“ Atomkrieg – falls der sich überhaupt begrenzen ließe – mit weniger als 3 % des gesamten atomaren Arsenals, z. B. „nur“ 500 Atombomben à 100 kt Sprengkraft, hätte immer noch weltweit fürchterliche Folgen: vor allem käme es durch den aufgewirbelten Staub und Ruß für Jahre zum nuklearen Winter, der zu einer Hungersnot mit bis zu 2 Milliarden Toten führen würde.
In den 80-er Jahren stieg mit der Aufstellung der Kurz- und Mittelstreckenraketen in der BRD die Atomkriegsgefahr infolge der kurzen Vorwarnzeiten von nur noch 15 Minuten massiv. D. h., in 15 Minuten müsste entschieden werden, ob es sich um einen gegnerischen Erstschlag oder um einen Fehlalarm handelt, also ob die eigenen Atomraketen gestartet werden müssten, bevor sie durch einen Erstschlag des Gegners vernichtet würden. Wenn die Befürworter der Abschreckungsdoktrin behaupten, dass durch das „Gleichgewicht des Schreckens“ – wer als Erster schießt, stirbt als Zweiter – bisher ein Atomkrieg habe verhindert werden können, dann verleugnen sie, dass es mehrfach um Haaresbreite fast zu einem „Atomkrieg aus Versehen“ gekommen wäre. Gerade in Krisenzeiten und bei Manövern kann es leicht zu menschlichen Fehlinterpretationen oder zu Computerfehlern kommen.


Die in der Anerkennung dieser Gefahren geschlossenen Rüstungskontroll- und Abrüstungsverträge, sind fatalerweise heute fast alle gekündigt!
Zwar wurde die Gesamtzahl der atomaren Sprengköpfe vor allem auf strategischen Langstreckenwaffen mit hoher Zerstörungskraft reduziert, stattdessen wurden die Atomwaffen modernisiert und sog. taktische Atomwaffen entwickelt, mit der Vorstellung, diese im Gefechtsfeld einsetzen und durch einen begrenzten Atomschlag den Gegner so massiv schädigen zu können, dass dieser dann kapitulieren würde. Diese gefährliche Illusion eines begrenzbaren begrenzten Atomkriegs könnte durch die – von Historikern widerlegte – Behauptung genährt werden, dass durch die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki Japan sofort zur Kapitulation gezwungen worden sei, weshalb eine Invasion amerikanischer Soldaten nicht mehr nötig gewesen sei. Das hätte Hunderttausenden amerikanischen Soldaten das Leben gerettet!
Weil akut im Ukrainekrieg die Gefahr für einen Einsatz von Atomwaffen steigt wie seit der
Kubakrise nicht mehr, wurde die sog. Doomsday Clock, die Weltuntergangsuhr, auf 90 Sekunden vor 12 gestellt! Dass wir am Rande eines Atomkriegs stehen, wird durch die Militarisierung der Berichterstattung verdrängt.
Eine Initiative aus weltweit mehr als 600 Friedensvereinigungen, die in ICAN (Int. Campaign Against Nuclear Weapons) zusammengeschlossen ist, hat es geschafft, dass 2017 von einer Mehrheit der Staaten in der UNO der Atomwaffenverbotsvertrag AVV (Treaty on the Prohibition of Nuclear Weapans TPNW) beschlossen wurde. Dafür erhielt ICAN 2017 den Friedensnobelpreis.
Seit Januar 2021 ist der Atomwaffenverbotsvertrag Teil des humanitären Völkerrechts. Mit Verweis auf die nukleare Teilhabe – (deutsche Piloten fliegen die ca. 20 US-Atombomben in Büchel im Ernstfall gegen Russland) – und die Weigerung der Atommächte, atomar abzurüsten, verweigert die Bundesregierung bisher, dem Atomwaffenverbotsvertrag beizutreten.
Erstmals wird in diesem Vertrag auch eine Wiedergutmachung für die Opfer von Hiroshima und Nagasaki und die Opfer der über 2000 Atomtests sowie die Dekontamination ihres Landes gefordert.
Der Atomwaffenverbotsvertrag gibt Anlass zu neuer Hoffnung, denn er wird vor allem von den Völkern des globalen Südens unterstützt, die sich aus der kolonialen Bevormundung befreien, lässt hoffen, dass mit dem Atomwaffenverbotsvertrag die Menschheit sich aus der nuklearen Geiselhaft der Atommächte befreien könnte. Deshalb ist es wichtig, dass wir weiterhin die Bundesregierung drängen, endlich dem AVV beizutreten und die US-Atomwaffen aus Deutschland zu verbannen!